19. 08. 2010

PRESSEMITTEILUNG Stuttgart 21 – Ein nationaler Kultur-Skandal

In den letzten Tagen gerät das Prestigeprojekt „Stuttgart 21“ in den Medien bundesweit immer mehr unter Druck (zuletzt in der Sendung ZDF Frontal 21 vom 17. August 2010) vor allem weil Kosten, Risiken und Gutachten verheimlicht wurden und weil immer mehr Menschen nicht bereit sind, diese Politik hinzunehmen und zu Tausenden auf die Straße gehen. Was hingegen in den Medien weitgehend unerwähnt bleibt, ist der kulturelle Skandal:
Wie kann es sein, dass ein bundeseigenes Unternehmen wie die Deutsche Bahn AG nicht als leuchtendes Beispiel vorangeht, sondern ganz im Gegenteil, nicht von Anfang an den Erhalt des denkmalgeschützten Hauptbahnhofs (Wettbewerb 1910, erb. 1914-28) von Paul Bonatz (1877-1956) beim Wettbewerb für den Tiefbahnhof zur Bedingung gemacht hat ?
Wie kann es sein, dass sich die Landesregierung von Baden-Württemberg über das von ihr selbst erlassene Denkmalschutzgesetz hinwegsetzt mit der Begründung der erforderlichen Abwägung ?
Wie kann es sein, dass die Vertreter der Denkmalbehörden nach anfänglicher Anhörung im Planfeststellungsverfahren nicht mehr einbezogen wurden ?
Wie kann es sein, dass der von den Denkmalbehörden für den Fall des Teilabrisses angekündigte vollständige Verlust des Denkmalcharakters verheimlicht wird ?
Wie kann es sein, dass die Denkmalstiftung Baden-Württemberg mit ihrem Kuratoriumsvorsitzenden Lothar Späth, einem ehemals verdienten Denkmalfreund, kein Wort zur geplanten Verstümmelung verlauten lässt ?
Wie kann es sein, dass die Warnungen des Städtebauausschusses der Stadt Stuttgart keine Reaktion auslösen ?
Wie kann es sein, dass keine Behörde, weder die Landeshauptstadt Stuttgart noch das Land Baden-Württemberg die Deutsche Bahn über Jahrzehnte aufgefordert hat, das Kulturdenkmal besonderer Bedeutung (§ 12 Denkmalschutzgesetz von Baden- Württemberg) seinem Rang entsprechend zu unterhalten ?
Wie kann es sein, dass der weltweit von rund 600 Fachleuten (Architekten, Städteplanern, Denkmalpflegern, Bau- und Kunsthistorikern) unterstützte Appell für den vollständigen Erhalt des Hauptbahnhofs ungehört verhallt (Vgl. www.hauptbahnhof-stuttgart.eu) ?
Wie kann es sein, dass Appelle verschiedener Institutionen und Fachverbände aus dem In- und Ausland (Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bundesstiftung Baukultur, docomomo, ticcih, Verband deutscher Kunsthistoriker etc.) zu keinen Reaktionen führt ?
Wie kann es sein, dass die warnenden Stimmen von Architekten von Weltrang (Richard Meier / New York, Ricardo Bofill / Barcelona, Robert Venturi und Denise Scott Brown / Philadelphia, David Chipperfield / London, Günter Behnisch / Stuttgart) kein Gehör finden ?
Wie kann es sein, dass kein gewählter Kulturpolitiker , angefangen von der Kulturbürgermeisterin über den Kultusminister bis hin zum Kulturstaatsminister, wenigstens Bedenken äußern ?
Wie kann es sein, dass bis heute keine umfassende Bestandsaufnahme des Bonatz- Baus erstellt wurde ?
Wie kann es sein, dass kein Ideenwettbewerb über die Nutzungspotentiale des Hauptbahnhofs stattfand ?
Wie kann es sein, dass die von ICOMOS-Mitgliedern aus dem In- und Ausland diskutierte Kandidatur des Stuttgarter Hauptbahnhofs für das Weltkulturerbe nicht aufgegriffen wird ?
Wie kann es sein, dass Bürger eines der bedeutendsten Bauwerke des 20. Jahrhunderts und damit Kulturgut nationaler Bedeutung vor gewählten Politikern schützen müssen ?
„Manchmal kann ich nicht anders als angewidert zu sein, wenn ich die Gleichgültigkeit mancher Leute sehe, die Bauwerke zerstören, welche Barbaren und wütende Feinde zuvor verschont hatten angesichts ihrer herausragenden Würde oder welche die Zeit, unnachgiebige Verwüsterin aller Dinge, bereitwillig ewig bestehen lassen wollte.“
Leon Battista Alberti, « de re aedificatoria », Florenz 1485

Die Arbeitsgemeinschaft Hauptbahnhof Stuttgart fordert die verantwortlichen Politiker und den Bahnvorstand auf, zumindest einem Moratorium zuzustimmen, um gemeinsam mit den Projektgegnern ergebnisoffen zu diskutieren.
In diesem Sinn und mit der dringenden Bitte, neben den wirtschaftlichen, verkehrlichen, geologischen und weiteren Argumenten den kulturellen Aspekt in Ihrer Berichterstattung zu würdigen, grüße ich freundlich und mit bestem Dank
Dr. Matthias Roser Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Hauptbahnhof Stuttgart
19.08.2010
ARBEITSGEMEINSCHAFT HAUPTBAHNHOF STUTTGART ASSOCIATION MAIN STATION STUTTGART ASSOCIATION GARE CENTRALE DE STUTTGART c/o Dr. Matthias Roser
Birkenwaldstraße 62 D-70191 Stuttgart Telephon 0049/(0)711/231.97.95 Telefax 0049/(0)711/231.97.89 Mobil 0049/(0)173/842.30.71 www.hauptbahnhof-stuttgart.eu

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Rede Dr. M. Roser am 17. Mai bei der 27. Montagsdemonstration:


Liebe Freundinnen und Freunde,
diese Rede halte ich nicht als Sprecherder Arbeitsgemeinschaft Hauptbahnhof Stuttgart, die sich für den Erhalt des Bonatz-Bahnhofs einsetzt und für seine Kandidatur als Weltkulturerbe, sondern ich halte sie als einfacher Bürger dieser Stadt und ich richte sie an OB Schuster.

Vielen Bürgerinnen und Bürgern liegt die Stimmung in dieser Stadt schwer auf der Seele und sie machen sich anhaltend ernste Sorgen um Stuttgart. S 21 ist hierfür nur ein, wenngleich besonders schwer wiegender Anlass.
Ich will den Versuch unternehmen, Ihnen, Herr Dr. Schuster, die Lage zu verdeutlichen, wie sie die Bevölkerungsmehrheit wahrnimmt.

Die ersten Bürger sind skeptisch geworden, als Sie unserer Stadt einen Trump-Tower verpassen wollten. Dieser Fehltritt wurde viel belächelt und rasch verziehen. Aber schon bald mehrten sich die Anzeichen, dass Sie Städtebau nur unter Vermarktungsgesichtspunkten betrachten. Deswegen sind Sie so gern auf Immobilien-Fachmessen und deswegen passt auch der meinungslose Städtebaubürgermeister Hahn so gut zu Ihnen.
Die Stuttgarter Zeitung hat kürzlich in einer Sonderveröffentlichung für die nächsten Jahre 60 Großbaustellen aufgeführt, die Sie uns zumuten wollen. Ich frage Sie in aller Sachlichkeit:

Sind Sie noch ganz bei Trost ?


Wir spielen hier nicht Monopoly, sondern es handelt sich um Stuttgart als unseren Lebensraum, nicht um ein Produkt.

Da Sie das bis heute nicht verstanden haben, sind Sie auch für Ihre eigene Partei, für die CDU, schon längst zur Belastung geworden. Wir erinnern uns, dass Sie nur mit knapper Not für eine zweite Amtszeit nominiert wurden.
In der CDU gab es vor nicht allzu langer Zeit sogar eine Mehrheit, die sich für einen Bürgerentscheid aussprach. Aber wer hat das verhindert ? Sie, Herr Dr. Schuster, Sie allein haben das verhindert und damit Ihrer Partei erneut schweren Schaden zugefügt. Wie schwer er ist, werden wir bei der Landtagswahl sehen und ausbaden werden es die Kandidaten der CDU.

Ich bin gespannt, wie lange Ihre Partei noch dem eigenen Niedergang tatenlos zuschaut, der in Stuttgart v.a. eine Ursache hat, nämlich Sie !

Wie eine ätzende Giftwolke hat sich S 21 über unsere Stadt gelegt, und Sie als OB erkennen das bis heute nicht. Wir wollen eine freundliche, weltoffene aber wiedererkennbare Stadt, in der sich die Menschen wohl fühlen. Wir wollen nicht in einer Stadt leben, durch die ein tiefer Riss geht. Wir wollen in unserem Stuttgart leben und dazu gehören untrennbar der intakte Schlossgarten und der intakte Kopfbahnhof von Paul Bonatz !

Ich fordere Sie auf: Machen Sie Schluss mit der Lähmung Stuttgarts und mit ihrer eigenen politischen Agonie, befreien Sie uns endlich von ihrer Verblendung, denn in der Tat, Sie haben jegliches Maß verloren. Sie sind beratungsresistent und unfähig zum Dialog. Die Ihnen wiederholt hin gehaltene Hand haben Sie beharrlich ausgeschlagen. Sie sind der Hauptverantwortliche für den tiefen Spalt, der durch die Bevölkerung geht. Sie haben den Respekt vor uns Bewohnern dieser Stadt verloren und verhöhnen uns als „falsch informiert“. Sie haben Boris Palmer angelogen, um Ihre Wiederwahl zu sichern. Sie haben alle Stuttgarter angelogen, als Sie einen Bürgerentscheid bei Mehrkosten versprachen. Sie ziehen es vor, sich mit unnützen und teuren Stabsabteilungen zu umgeben und leben daher in einem elfenbeinernen Turm.

Diese Stadt hat genug von Ihren naiven Phantastereien, diese Stadt braucht keinen zweiten Nero, der seine eigene Stadt in Brand steckt und das noch als Kunstwerk bewundert. Diese Stadt erträgt sie nicht mehr.
Zeigen Sie wenigstens jetzt in dieser verfahrenen und aussichtslosen Situation Größe, befreien Sie uns von diesem Alptraum. Ziehen Sie die Konsequenz aus diesem selbstverschuldeten Desaster.

Unsere Stadt muss endlich wieder zur Ruhe kommen und der tiefe Spalt durch die Bevölkerung eine Ende haben. Es wäre ihre Aufgabe als OB gewesen, Herr Dr. Schuster, die Modernisierung des Verkehrsknotens Stuttgart in Bahnen zu lenken, die von den Bürgern mehrheitlich getragen wird. Dies haben Sie nicht einmal ansatzweise versucht.

Sicher spreche ich daher im Namen der erdrückenden Bevölkerungsmehrheit wenn ich Sie heute auffordere: Machen Sie endlich den Weg für einen Neuanfang frei, - treten Sie zurück !


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Petition 2008

Eisenbahnliegenschaftswesen - Hauptbahnhof Stuttgart vom 06.11.2008
Hauptpetent Matthias Roser
Ende der Mitzeichnungsfrist 2. Januar 2009 Endergebnis Mitzeichner :  4 9 9 5
Viele Petitionen erreichen gerade einmal 100 Mitzeichner, wenige 2-300, ganz wenige komme auf mehr als 1000 Mitzeichner.

Text der Petition


Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass der denkmalgeschützte Stuttgarter Hauptbahnhof, 1914 bis 1928 nach Plänen von Paul Bonatz (1877-1956) erb., nicht zum Großteil abgebrochen wird, sollte das Projekt "Stuttgart 21" trotz der vom Bundesrechnungshof dem Haushaltsausschuss am 4.11.08 vorgelegten Mehrkosten in Milliardenhöhe gebaut werden.

Begründung
Der Stuttgarter Hauptbahnhof, von 1911 bzw. 1914 bis 1928 nach Plänen von Paul Bonatz (1877-1956) und Friedrich Eugen Scholer (1874-1949) erbaut, zählt zu den bedeutendsten Bauwerken des beginnenden 20. Jahrhunderts in Deutschland und Europa. Er kann als der erste Großstadt-Bahnhof der „Moderne“ bezeichnet werden und steht hinsichtlich seines architekturhistorischen Ranges in einer Reihe mit Bauwerken wie der AEG-Turbinenhalle (1908/09) in Berlin von Peter Behrens und den Fagus-Werken in Alfeld an der Leine (1911) von Walter Gropius.

Mit Recht wurde er gemäß § 12 des Landesdenkmalgesetzes vom Land Baden-Württemberg unter Denkmalschutz gestellt.

Dieses Meisterwerk der Architektur des 20. Jahrhunderts wird allerdings nicht nur seit Jahrzehnten vernachlässigt, d.h., seine bauliche Unterhaltung erfolgt nicht seinem Rang gemäß; es ist außerdem in sehr naher Zukunft in großen Teilen seines baulichen Bestandes direkt gefährdet. Denn: Im Zuge der Realisation des seit den 1990er Jahren geplanten neuen Tiefbahnhofs, bekannt unter dem Namen „Stuttgart 21“, ist ab 2008/2009 eine Reihe gravierender Eingriffe in den denkmalgeschützten Bestand vorgesehen. Dazu gehören:
• Abriss des gesamten Süd-Ostflügels am Schloßgarten (Cannstatter Str.)
• Abriss des gesamten Nord-Westflügels (Richtung Heilbronner Str.)
• Abriss der Haupttreppe innerhalb der großen Schalterhalle
• Abriss der Verkehrsebene in der Kopfbahnsteighalle

Das Bauwerk, das bis heute als typischer Kopfbahnhof den Gleiskörper U-förmig umfängt, wird durch die vorgesehenen „Amputations“-Maßnahmen gut die Hälfte seiner Gebäudesubstanz mit den charakteristischen Fassadengestaltungen (rohes Kalkstein-Bossenwerk) verlieren und somit zum Torso werden. Im Innern des restlichen Gebäudeflügels zum Arnulf-Klett-Platz wird es zu erheblichen Eingriffen kommen, die nur als „Verstümmelungen“ bezeichnet werden können.

Besonders gravierend ist, dass der Bauherr, die bundeseigene Deutsche Bahn AG, tatkräftig vom Land Baden-Württemberg, von der Region Stuttgart und von der Stadt Stuttgart unterstützt wird. Somit setzt sich ausgerechnet die „Öffentliche Hand“ über alle Gebote des Denkmalschutzes hinweg, indem sie ein herausragendes, weltbekanntes, zudem in die Denkmalliste eingetragenes Kulturdenkmal fragmentiert, beschädigt und den verbleibenden Rest zu einer baulichen Attrappe degradiert.

Gegen die geplanten Maßnahmen melden wir größte Bedenken an und fordern alle Verantwortlichen mit Nachdruck auf, Alternativen zu den bisher vorgelegten Planungen zu entwickeln. Es gilt, eine denkmalverträgliche und der Bedeutung des Bauwerks angemessene Lösung zu finden, damit der drohende Abriss wesentlicher und charakteristischer Teile des Stuttgarter Hauptbahnhofs vermieden werden kann.